SES assoziiert mit dem Down-Syndrom

Sprachliche Auffälligkeiten können in Verbindung mit weiteren Entwicklungsstörungen auftreten, z. B. im Zusammenhang mit genetischen Syndromen, wie dem Down-Syndrom. 

Zumeist liegt bei Kindern mit dem Down-Syndrom, die eine mittlere bis leichte Form der geistigen Behinderung aufweisen, eine abweichende sprachliche Entwicklung im Bereich phonetischer und phonologischer Fähigkeiten vor. Die Schwächen bei der Lautbildung und der Verständlichkeit bleiben oftmals bis ins Erwachsenenalter bestehen. Auf der Ebene des Wortschatzes werden semantische und pragmatische Bedeutungen sowie Bezeichnungen von subjektiv bedeutsamen Gegenständen leichter erworben, dagegen fällt der Erwerb von Verben und Adjektiven schwer. Im Bereich der Grammatik werden Ein- oder Zwei-Wort-Äußerungen aufgrund von Artikulationsschwierigkeiten bevorzugt. Die grammatischen Fehler in Drei- oder Vier-Wort-Sätzen entsprechen denen nicht behinderter Kinder gleichen Entwicklungsalters. Generell ist die Differenz zwischen rezeptiven und expressiven Sprachfähigkeiten größer. Pragmatische Schwierigkeiten treten im Umgang mit Fragen auf (z. B. assoziative Fortsetzung des eigenen Redebeitrags nach Beantwortung der Frage mit Verlust des roten Fadens). Nur wenn zusätzliche gravierende Schädigungen vorliegen, zeigen Kinder mit dem Down-Syndrom große Schwierigkeiten im kontextunabhängigen Sprachverstehen sowie stark eingeschränkte Fähigkeiten, sich ihrem sozialen Umfeld mitzuteilen. Bei überaus sensiblem Elternverhalten ist aber der Erwerb basaler Kommunikationsfähigkeitenüber Mimik, Gestik und Körperhaltung möglich (z. B. Einsatz von Gesten) (Wilken, 2014).

Das Down-Syndrom geht mit einer leichten bis mittelgradigen geistigen Behinderung einher. Daher werden häufig „disproportional geringere nonverbale kognitive Fähigkeiten oder […] geringere Fähigkeiten im Sprachverständnis“ (Havemann, 2013, S. 82) als Ursache für verzögerte Sprachentwicklung vermutet. Allerdings bleiben die expressiven sprachlichen Fähigkeiten von Kindern mit Down-Syndrom deutlich hinter ihren rezeptiven Fähigkeiten zurück. Säuglinge mit Down-Syndrom zeigen ein weniger aktives Interaktionsverhalten und erhalten dadurch weniger kommunikative Angebote von ihren Eltern (Wilken, 2014, S. 63). Darüber hinaus kann die Lautnachahmung beispielsweise dadurch erschwert sein, dass Besonderheiten der Anatomie und damit auch der Artikulationswerkzeuge in Verbindung mit einem niedrigen Muskeltonus die Verknüpfung des Gehörten mit den entsprechenden Mundbewegungen stören (Wilken, 2014, S. 56). Häufig treten bei Kindern mit dem Down-Syndrom rezidivierende Mittelohrentzündungen auf, aber auch angeborene Hörstörungen werden bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen festgestellt, welche dazu führen können, dass die Differenzierung von Lauten gehemmt ist (z.B. Tasse und Kasse) (Wilken, 2014, S. 29f.).

Mit einer Prävalenz von 1:800 stellt das komplette oder partielle dreifache Vorliegen des Chromosoms 21, das dem Down-Syndrom zugrunde liegt, die häufigste chromosomale Abweichung in allen ethnischen Gruppen dar. In Deutschland leben ca. 30.000 bis 50.000 Menschen mit dem Down-Syndrom, Jungen sind etwas häufiger betroffen als Mädchen. Das allgemeine und sprachliche Entwicklungsprofil ist abhängig von der Form der Trisomie 21 (freie Trisomie) (95 Prozent aller Fälle), Translokations-Trisomie (5 Prozent aller Fälle), Mosaikform (1-2 Prozent aller Fälle, nur einzelne Zelllinien sind betroffen)) und dem Ausmaß der Förderung durch die familiäre und institutionelle Umwelt (vgl. Sarimski, 2014).

Mit dem Bewusstsein, dass ihre Kinder generell weniger oder verzögert kommunizieren, können Eltern von Kindern mit Down-Syndrom schon früh darauf achten, gezielt in sprachliche Interaktion mit dem Kind zu treten. Zum Beispiel kann sich das Abwarten auf Reaktionen – anstelle von übermäßigem „Monologisieren“ – förderlich auf Entwicklung der Dialogfähigkeit auswirken (Wilken, 2014, S. 55f.). Für die Unterstützung der Ausdrucksfähigkeit gibt es vielfältige Methoden der unterstützten Kommunikation, wobei die Methode auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes abgestimmt werden muss. Auch Gebärden-unterstützte Kommunikation hilft vielen Kindern mit Down-Syndrom, sich besser mitteilen zu können und fördert langfristig den Spracherwerb (Wilken, 2014, S. 71ff.). Darüber hinaus sind Kinder mit Down-Syndrom oftmals relativ früh in der Lage Wörter wiederzuerkennen und können mithilfe des Frühen Lesens in ihrer Sprachkompetenz unterstützt werden (Wilken, 2014, S. 97ff.).